Nahrungswahl


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Dem Kaninchen stehen insbesondere im Frühjahr und Sommer eine Vielzahl an unterschiedlichen Pflanzen zur Verfügung, aus denen es wählen kann. Nicht alle dieser Pflanzen sind gesund, einige können schädlich und sogar tödlich sein. Andere sind nur von geringem Wert bezüglich ihrer Nährstoffe (Bilko et al. 1993). Bei seiner Futtersuche muss ein Kaninchen seine Futterpflanzen so wählen, dass der Nährstoffbedarf ausreichend gedeckt wird und Vergiftungen mit schädlichen Substanzen vermieden werden.

Futtermittel lassen sich nicht klar in giftig oder ungiftig unterteilen. Jede Substanz kann ab einer gewissen Menge gefährlich werden. In geringen Mengen können sie gleichsam lebenswichtig und/oder gesundheitsfördernd sein.

"Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist."

Paracelsus (1493-1541)


Allgemeine Informationen zum Selektionsverhalten: Heimtierwissen.de - Ernährung: Nahrungswahl


Die Fähigkeit zur Wahl der richtigen Futterpflanzen sind teilweise angeboren, größtenteils jedoch erlernt. Es gibt nach Bilko et al. (1993) verschiedene Möglichkeiten für Jungtiere Informationen über Futtermittel von erwachsenen Tieren zu bekommen:

  • pränatal über das Blut
  • Muttermilch
  • der Geruch von Körper und Atem
  • Nahrungsrückstände im Fell und an den Zähnen
  • den Kot der erwachsenen Tiere

Da die Kaninchenmutter nur sehr wenig Zeit bei ihrem Nachwuchs verbringt, müssen die Jungtiere in den meisten Fällen ohne direkte Hilfe der Mutter lernen Futter zu finden und passend zu wählen. Dennoch zeigen die Jungtiere Futterpräferenzen die sich auf die Ernährung des Muttertieres zurückführen lassen. In einem Versuch wurden Kaninchenmüttern Wacholder bzw. Thymianblätter ins Futter gemischt. Die Jungen zeigten je nach Ernährung der Mutter später Vorlieben für die eine bzw. die andere Pflanze (Bilko et al. 1993).

Abbildung 1: Vorbild. Junge Kaninchen lernen unter anderem von den erwachsenen Tieren und älteren Jungtieren was gut schmeckt.


Aber auch in späteren Lebensabschnitten müssen Kaninchen in der Lage sein, neue Futterquellen nutzen zu können. Nur dadurch können Kaninchen auch in Habitaten mit ihnen unbekannten Futterpflanzen überleben. So wird unbekanntes Futter mit einem Probebiss getestet. Folgen daraufhin negative Reaktionen (Unwohlsein, Bauchschmerzen...) wird das Futter in Zukunft gemieden.

Problematisch wird es allerdings, wenn die Gifte der Pflanzen Langzeitwirkungen entwickeln, die Giftmenge in den Pflanzen schwankt oder Futtermittel in Wechselwirkung miteinander treten.

Abbildung 2: Probebiss. Neues Futter wird probiert. Daher kann es sein, dass neue Futtermittel mehrfach angeboten werden müssen, bis sie gefressen werden.

Auch domestizierte Tiere sind in der Lage, die Selektion zu erlernen (Rose und Kyriazakis 1991). Es konnte an verschiedenen Haustierarten wie Ratten (Sclafani 1995), Mäusen (Freeland et al. 1981) und Hausschweinchen (Lindmayer und Propstmeier 2006, Ettle und Roth 2005) gezeigt werden, dass diese ihren Nährstoffbedarf effektiver decken, wenn sie aus verschiedenen unterschiedlichen Komponenten wählen können, als wenn sie ein Futter mit definiertem Bedarf erhalten.

Domestizierte Schafe (Provenza et al. 2000) und Mäuse (Freeland et al. 1981) sind in der Lage, Futtermittel so miteinander zu kombinieren, dass die Substanzen ungefährlich werden.

Auch bei Hauskaninchen kann ein selektives Futterwahlverhalten beobachtet werden. Selbst bei einer reinen Heuernährung wird immer wieder von Haltern beobachtet, dass die Tiere bestimmte Teile bevorzugen und andere meiden.

Abbildung 3: Selektion. Bei ausreichend Auswahl selektieren Hauskaninchen nicht nur ganzen Pflanzen, sondern auch Pflanzenteile. Die leicht verdaulichen Blattteile von Gräsern werden bevorzugt gefressen.

Allerdings sind Tiere nicht in der Lage uneingeschränkt zu selektieren. Zwar sind die Grundlagen der Selektion angeboren, aber vieles muss durch Versuch und Irrtum erlernt werden. Daher müssen die Tiere lernen, mit verschiedenen Wirkstoffen richtig umzugehen. Stark oder tödlich giftige Pflanzen sind problematisch, wenn sie bereits in geringen aufgenommenen Mengen gefährlich werden.

Beeinträchtigt werden kann dieses Verhalten durch Stoffwechselstörungen (bei Kaninchen allerdings selten), durch eine vorige vollkommen unangemessene Ernährung und dadurch zerstörte Darmflora, besondere Krankheiten (z.B. Atemwegserkrankungen, dadurch Mangel an Geruchsidentifizierung) und vorhergehenden Mangel an Frischfutter. Hat das Kaninchen lange Zeit nur Trockenfutter erhalten, muss langsam an größere Mengen Frischfutter gewöhnt werden.


Auch die Haltung des Tieres spielt eine wichtige Rolle. Ist ein Kaninchen gelangweilt oder gestresst, kann es zur übermäßigen, nicht selektiven Aufnahme von Futter kommen.

Das Kaninchen muss stets ausreichend Auswahl und Vielfalt an geeignetem Futter zur Verfügung haben. Ist ein Kaninchen eingeschränkt, kann die Selektionsfähigkeit beeinflusst werden.




Quellen

Bilkó A., Altbäcker V., Hudson R. (1993): Transmission of Food Preference in the Rabbit: The Means of Information Transfer, Department of Ethology, Eötvös Loránd University, 2131 Göd, Jávorka S.u. 14, Hungary, Institute of Medical Psychology, Ludwig-Maximillians University, Goethestr. 31, D-80336 München, Germany

Boback, Alfred W.; Das Wildkaninchen: (Oryctolagus cuniculus (Linné, 1758); 2., unveränd. Aufl.; Nachdr. der 1. Aufl., Wittenberg Lutherstadt, Ziemsen, 1970; Hohenwarsleben; Westarp-Wiss.-Verl.-Ges.; 2004; (Die neue Brehm-Bücherei; 415); ISBN 3-89432-791-X

Ettle T., Roth F.X. (2005): Selektive Nährstoffaufnahme bei Futterselbstauswahl beim Nutztier, Fachgebiet Tierernährung und Leistungsphysiologie, Technische Universität München, Freising

Freeland W.J., Calcott P.H., Anderson L.R. (1981): Tannins and Saponins; Interaction in Herbivore Diets, Biochemical Systematics ans Ecology, 13(2): 189-193

Garcia, J., Hankins, W.G., Rusiniak, K.W. (1974): Behavioral Regulation of Milieu Interne in Man and Rat. Science 185, 824-831

Lindmayer Dr. H., Propstmeier G. (2006): Freie Futterwahl (Cafeteriafütterung) in der Ferkelaufzucht - Versuchsbericht, Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Tierernährung und Futterwirtschaft, ITE 2 – Schweinefütterung

Mitsch, U. : Untersuchungen zu extensiv bewirtschaftetem Ansaat- und Dauergrünland unter Beweidung durch Ochsen und Färsen – Schwerpunkt: selektive Futteraufnahme –, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2009

Provenza F.D., Burrit E.A., et al. (2000): Self-regulation of Polyethylen Glycol by Sheep Fed Diets Varying in Tannin Concentrations, Journal of Animal Sience: 1206-1212

Rogers, P.M. 1994: In: Handbuch der Säugetiere, Band 3/II Hasentiere – Lagomorpha, AULA-Verlag, Wiebelsheim 2003

Rose, S. P. und Kyriazakis, I. (1991): Diet selection of pigs and poultry. Proc. Nutr. Soc. 50, 87-98

Rutkoski, N.J., Levenson, C.W. (2000): Self-selection of copper-containing diets by copperdeficient and overloaded rats. Physiology & Behavior 71, 117-121

Sclafani, A. (1995): How food preferences are learned: laboratory animals model. Proceedings of the Nitrition Society 54, pp. 419-427