Hitzig oder Scheinschwanger


Alle morphologischen, hormonellen und biochemischen Veränderungen die in periodischen Abständen auftreten und die Paarungswilligkeit bereitstellen werden als Sexualzyklus bezeichnet. Es kommt zu Veränderungen an der Schleimhaut des Uterus, dem Gebärmutterhals (Zervis) und der Vagina. Im Mittelpunkt kommt es zu Symptomen die dem Tier im allgemeinen anzusehen sind und sich in Form der Brunst (Östrus) zeigen. Man spricht daher auch von einem Brunstzyklus (Schnorr & Kressin 2011).

Der Beginn des Sexualzyklus ist die Geschlechtsreife und tritt beim Kaninchen mit etwa drei bis vier Monaten ein. Wenn er nicht durch eine Schwangerschaft unterbrochen wird wiederholt er sich periodisch. Kaninchen sind Polyöstisch, das heißt es kommt bei ihnen innerhalb eines Jahres zu mehreren Zyklen (Schnorr & Kressin 2011). Die Angaben des Zyklusgeschehens variieren von 4 bis 30 Tagen (Niebergall 2003).

Der Zyklus wird anhand der Veränderungen an Ovar und Uterus in Phasen unterteilt. Der erste Tag ist dabei der Beginn der Brunst. Mit dem Einsetzen der Verhaltensveränderungen beginnt die Vorbrunst, auch Pröostrus genannt. Im Ovar beginnt die Follikelreifungsphase und die Schleimhaut im Uterus wird durch den Einfluss von Östrogenen verdickt. Die Vorbrunst erstreckt sich bis zum eigentlichen Östrus/Brunst. Nun duldet das Weibchen einen Deckakt. Es kann nun zum Eisprung (Ovulation) kommen. Als dritte Phase schließt sich der Metöstrus, Postöstrus oder auch Nachbrunst an. Die Paarungswilligkeit lässt nach und die äußeren und inneren Brunstsymptome klingen ab. Im Ovar wird ein Gelbkörper (Corpus luteum) aufgebaut, der die Progesteronproduktion steigert. Anschließend folgt der Diöstrus, Interöstrus oder auch Zwischenbrunst. Brunstsymptome fehlen. Der Gelbkörper erreicht das Blütestadium und wird, wenn keine Befruchtung stattgefunden hat, resorbiert. Auch die Gebärmutterschleimhaut bildet sich zurück (Schnorr & Kressin 2011).

Funktion der Hormone nach Schnorr & Kressin (2011):

  • Östrogen: Wachstumsfaktor für den weiblichen Geschlechtsapparat und der Gebärmutterschleimhaut. Versetzt die glatte Muskulatur in erhöhte Kontraktionsbereitschaft
  • Progesteron: Trächigkeitshormon; Sorgt für Aufnahme und Entwicklung der Keimblase in der Gebärmutter


Kaninchen sind "provozierte Ovulierer". Das heißt der Eisprung selbst wird beim Kaninchen durch bestimmten Reize, in der Regel dem Deckakt, ausgelöst (Schlolaut 2003). Dabei kommt es ca. 10 Stunden nach dem Deckakt zu einem Eisprung(Schnorr & Kressin 2011). Kommt es zu keiner Befruchtung kann es sein, dass der Gelbkörper nicht resorbiert wird und dem Körper eine Schwangerschaft "vorgaukelt". Das Tier wird scheinschwanger.

Das Kaninchen verhält sich dann wie ein trächtiges Weibchen. Fellrupfen und sehr aggressives Verhalten können vorkommen, beim Nestbau wird das Nest im Gegensatz zum Nestbau bei hitzigen Weibchen versteckt angelegt und erst in den letzten Tagen mit Bauchhaaren ausgepolstert. Ein relativ sicheres Zeichen ist ein Anschwellen der Zitzen und Milchdrüsen. Eine Scheinschwangerschaft dauert bei Kaninchen im allgemeinen 12 - 21 Tage (Niebergall 2003).

Die Zeit der Paarungsbereitschaft des Weibchens bezeichnet man als Hitze. Die Abstände und Ausprägung der Hitze sind unterschiedlich. Angaben zum Abstand variieren von 7 bis 17 Tagen. Verschiedene Reize nehmen Einfluss auf das Fortpflanzungsverhalten und können die Hitze der Weibchen auslösen.

So kann Kontakt mit einem Rammler (in vielen Fällen auch mit Kastraten bei Vergesellschaftungen) eine Hitze auslösen. Auch Temperatur und Lichteinflüssen spielen eine Rolle. So werden Kaninchen in Außenhaltung im Winter häufig nicht hitzig, im Frühjahr hingegen kann die Hitze sehr ausgeprägt sein (da natürlicher Beginn der Paarungszeit). Gesundheitliche Probleme treten gehäuft bei Weibchen in Innenhaltung auf, da diesen die Winterpause fehlt. Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Bei einer zu energiereiche Ernährung werden auch Kaninchen in Außenhaltung im Winter hitzig. Ein weiterer Faktor ist die Position des Weibchens innerhalb der Gruppe. Ranghöhere Kaninchen können früher hitzig werden als rangniedrigere.

Abbildung 1: Nestbau. Nestbau ist kein Zeichen für Scheinschwangerschaft, auch hitzige Weibchen bauen Nester.

Hitzige Weibchen werden häufig unruhig und aggressiv, rammeln vermehrt ihre Partner um diesen zum Deckakt zu ermuntern, bedrängen andere Kaninchen (Kopfunterschieben), markieren vermehrt, bauen Nester etc.. Der Nestbau erfolgt sehr unkoordiniert (Es wird gebuddelt, gerupft, Nistmaterial herumgeschleppt usw.) und oft sehr offensichtlich, das Nest wird nicht versteckt angelegt.

Bei den meisten (aber nicht immer) weiblichen Kaninchen ist die Hitze am Anschwellen und an der Verfärbung der Schamlippen zu erkennen (Schlolaut 2003).

Die Dauer beträgt ca. 7 - 17 Tage und ist länger, falls keine Rammler anwesend sind.



Quellen

Niebergall, A. (2003): Sonographische Befunderhebung am männlichen und weiblichen Harntrakt und am weiblichen Geschlechtsapparat von Zwergkaninchen und Meerschweinchen, Diss. Tierärztliche Hochschule Hannover 2003

Boback, Alfred W.; Das Wildkaninchen: (Oryctolagus cuniculus (Linné, 1758); 2., unveränd. Aufl.; Nachdr. der 1. Aufl., Wittenberg Lutherstadt, Ziemsen, 1970; Hohenwarsleben; Westarp-Wiss.-Verl.-Ges.; 2004; (Die neue Brehm-Bücherei; 415); ISBN 3-89432-791-X

Schlolaut, W. (Hrsg) in Zusammenarbeit mit Lange, K.; Das große Buch vom Kaninchen; 3., erw. Aufl.; Frankfurt am Main; DLG-Verl., 2003; 488 S.; ISBN 3-7690-0592-9

Schnorr, Bertram; Kressin, Monika. Embryologie der Haustiere, 2006, ISBN 978-3-8304-1061-4