Bei der Frage, ob Kaninchen in Gruppen gehalten werden sollten lohnt sich ein Blick auf die Lebensweise unter natürlichen Umständen sowie auf die Frage, was für Hintergründe es gibt und was eine Gruppenbildung überhaupt bewirkt.


Tiere können in verschiedener Beziehung zu ihren Artgenossen stehen. Einige leben individuell, das heißt sie gehen allein dem Nahrungserwerb nach, verteidigen sich allein und finden sich nur zu Paarung mit Artgenossen zusammen, andere hingegen leben in Verbänden.

Man findet bei in Gemeinschaft lebenden Tieren drei Verbandsformen (Eibel-Eibesfeldt 1969):

  • Aggregation: Ansammlung von Tieren einer oder verschiedener Arten, ohne soziale Beziehungen, finden sich aufgrund ähnlicher Fress- / Schlaf- oder anderer Bedürfnisse an einem für sie attraktiven Ort zusammen. Beispiel Schmetterlinge, welche sich an günstigen Tränken zusammenfinden.
  • Anonymen Verbände: Ansammlungen artgleicher Tiere. Die Tiere kennen sich nicht, interagieren aber durch einfacher artspezifischer Signale miteinander und halten zusammen (soziale Attraktivität). Man unterscheidet offene anonyme Verbände in welchen die Einzeltiere gegen andere austauschbar sind und fremde Tiere können ohne aggressive Auseinandersetzungen hinzukommen. Im Gegensatz dazu besitzen Tiere in einem geschlossenen anonymen Verband ein gemeinsames Merkmal, welches sie von gruppenfremden Tieren unterscheidet. Beispiel Krähen oder Stare
  • Individualisierten Verbände: Zusammenleben artgleicher Tiere, die individuell miteinander bekannt sind. Sie können unterschiedlich groß und stabil sein, wobei ihr Zusammenhalt meist durch eine nur für diese Gruppe geltende Rangordnung geprägt wird. Beispiel Kaninchen



Vor- und Nachteile des Gruppenlebens

In Gruppen zu leben kann Tieren eine Vielzahl von Vorteilen bringen. Beispielsweise bezüglich:

  • Schutz vor Predatoren (Warnung und gemeinsame Verteidigung)
  • Lokalisation von Futterquellen
  • Territorienbildung und -verteidigung
  • Reproduktion
  • Problemlösung. Gruppentiere können nach dem Fachmagazin PNAS mit unvorhergesehenen Ereignissen besser umgehen und sich an veränderte Umweltbedingungen schneller anpassen.


Gemeinsam in Gruppen zu leben kann auch Nachteile für das einzelne Tier haben. Beispielsweise:

  • erhöhte Gefahr von Erregerübertragung
  • Beutegreifer werden leichter auf größere Gruppen aufmerksam
  • erhöhte Konkurrenz um bestimmte Ressourcen wie Nestplätze, limitiertes Futter und Sexualpartner



Vorraussetzungen für ein Gruppenleben

Um in sozialen Gruppen leben zu können ist eine Erkennung als Gruppenmitglied sowie das Koordinieren von Aktivitäten notwendig. Ein häufiger Mechanismus zum erkennen von Gruppenmitgliedern in kleinen, stabilen Gruppen ist Familienzugehörigkeit. Häufige Signale sind olfaktorische bei Säugern, optische und akustische bei Primaten sowie Vögel und optische bei Fischen (Bradbury und Vehrencamp 1998). Um Energie zu sparen und das Verletzungsrisiko zu verringern werden in Gruppen Hierarchien ausgebildet (Barnard und Burk 1979; Bernstein 1981).

Um miteinander agieren zu können ist es notwendig sich durch Signale zu verständigen. Dies bezeichnet man auch als Kommunikation. Kommunikation ist Vorraussetzung für eine soziale Gemeinschaft. Nachrichten beziehungsweise Informationen können auf akustischem, taktilem, optischem oder chemischem Weg weitergegeben werden. Dadurch wird den Tieren ein Sozialverhalten möglich. Unter Sozialverhalten versteht man alle Verhaltensweisen, die auf Reaktionen oder Aktionen anderer Gruppenmitglieder zielen.


©Alexandra Stoffers - flickr.com
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Kaninchen in freier Natur

Kaninchen bilden unter natürlichen Bedingungen große Kolonien, wobei Hunderte in enger Nachbarschaft leben können. Innerhalb dieser großen Gruppen finden sich Kleingruppen von bis zu 10 Tieren, welche eine soziale Einheit bilden, die ein Territorium mit Erdhöhle verteidigt. Innerhalb der Gruppe herrscht eine strikte Rangordnung. Diese ist jeweils geschlechtsgebunden. An der Spitze der männlichen Tiere steht ein Rammler, eine Häsin beherrscht die anderen Weibchen.

Hauptartikel: Verhalten wilder Kaninchen



Auswirkungen des Gruppenlebens

Das Leben in Gruppen beeinflusst das Verhalten der Kaninchen.

  • Artgenossen verursachen immer wieder neue und unvorhersehbare Situationen, mit denen sich das Kaninchen auseinandersetzen muss (Baumans 2005)
  • Durch Interaktionen mit anderen Kaninchen kommt es zu erhöhter Aufmerksamkeit, zu vermehrt explorativem Verhalten und zur Entfaltung des gesamten natürlichen Verhaltensrepertoires (Morton et al. 1993)
  • Vermutliche Vermittlung von Sicherheit, wodurch die Stressantworten der Tiere in der Gruppenhaltung gegenüber der Einzelhaltung weniger ausgeprägt und von kürzerer Dauer sind (Baumans 2005)

Nach Marai (2004) beeinflusst Einzelhaltung von Kaninchen deren normale Entwicklung. Also Folge können anormales Verhalten, Frustration, Stereotypien, eine verminderte Immunfunktion, ein erhöhtes Angstverhalten und emotionalen Stress auftreten (Graf 2010).

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Problematik Gruppenhaltung - Vorrausetzung der Gruppenhaltung

Gruppenleben bringt bestimmte Problematik mit sich, insbesondere wenn die Haltungsvorraussetzungen nicht stimmen. Es kann zu Konflikten zwischen den Tieren kommen. Es gibt sowohl aggressive als auch nichtaggressive Formen der Konfliktlösung, wobei aggressive Formen meist Drohhandlungen darstellen. Durch die Konflikte kommt es zu höherem Energieaufwand, Kampfstress, erhöhtem Feindrisiko und es besteht Verletzungsgefahr.

Nach Bessei (2001) ist der soziale Stress durch eine zu hohe Besatzdichte die Hauptursache für die Mortalität bei Wildkaninchen. Nach Scott (1992) können schadensträchtige Verhaltensweisen bei verhaltensgerechter Haltung durch entsprechendes Verhalten vermieden werden.

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Abbildung 1: Ausweichen im Konfliktfall. Ist genug Platz vorhanden können die Tiere sich bei Konflikten ausreichend ausweichen und das Verletzungsrisiko wird erheblich minimiert.

Hauskaninchen leben wie ihre wilden Artgenossen in einer linearen, geschlechtsgebundenen Hierarchie (Kraft 1978). Sobald Weibchen sexuell aktiv werden erkämpfen sie sich ihren Platz in der Rangordnung. Drei bis vier weitere Monate dauert es anschließend bis die soziale Hierarchie sich stabil etabliert (Verga 1992). Diese Rangordnung kann über Monate, aber auch ein Leben lang stabil bleiben. Kämpfe sind dann selten. Werden erwachsene Kaninchen in die Gruppe gebracht oder daraus entfernt kann dies die stabile Rangordnung gefährden und es kann zu heftigen Auseinandersetzungen kommen (Boers et al. 2002). Dies geht nicht nur mit einer erheblichen Verletzungsgefahr einher. Rangkämpfe könne zu einer Stressreaktionen führen welche zu einer Veränderungen des Verhaltens und der Physiologie führen kann (Olsson und Westlund 2007). Sowohl das Aufrechterhalten einer ranghohen Stellung als auch eine rangniedrige Position kann mit Stress einhergehen. Wird aber der subdominante Status akzeptiert wird die physiologische Stressantwort seltener aktiviert (Van Loo et al. 2002).

In einer stabilen Hierarchie ist das defensive Verhalten stark ritualisiert. Heftige Kämpfe um die Rangordnung finden nur in den ersten Tagen nach dem Zusammensetzten statt. Schon nach wenigen Tagen reichen Drohungen (Albonetti et al. 1990). Zu Konflikten kommt es anschließen nur noch in unmittelbarer Umgebung der Neströhre und bei der Nestverteidigung (Stauffacher 1988). Ziel sollte es daher sein die Stabilität der Gruppenzusammensetzung zu erhalten.

Die Nutzung des Reviers ist nach Holst (2002) abhängig vom Rangstatus (Holst 2002; Mykytowycz 1958). Ein ranghöheres Kaninchen nutzt mehr Fläche als ein rangniederes oder eher defensives Kaninchen. Auch die Rückzugsmöglichkeiten spielen eine wichtige Rolle. Rangniedrige Kaninchen meiden Körperkontakt in gewissen Situationen, fliehen und suchen bei Auseinandersetzungen Schutz und Deckung. Daher sollten ausreichend visuelle Barrieren und Verstecke vorhanden sein. Die Kaninchen sollen die Möglichkeit haben ohne Zwang auf Gruppenmitglieder zuzugehen oder sich dem Kontakt mit ihnen entziehen zu können (Baumans 2005).

Auch sind ausreichend Futterstellen notwendig. Rangniedere Tiere fressen bis zu 15 % weniger häufig in Körperkontakt mit Artgenossen als ranghohe Tiere (Schuh et al. 2005). Dadurch kann es bei niederrangigen Tieren auf Grund von Kontaktvermeidung zur geringerer Futteraufnahme kommen. Unter natürlichen Bedingungen kommt eine Kompetition um Futter praktisch nicht vor (Eisermann et al. 1993).

Vorraussetzung für eine Haltung in Gruppen ist also eine ausreichend tiergerechte Unterbringung. Auch die richtige Konstellation und richtige Zusammenführung mit Artgenossen ist wichtig, um Konflikte möglichst gering zu halten.

  • Ausreichende Fläche des Geheges, die den Tieren ermöglicht, Individualdistanz zu wahren
  • Ausreichend Rückzugs- und Ausweichmöglichkeiten
  • Beschäftigung, um den Tieren Stressabbau zu ermöglichen
  • Passende Konstellation der Tiere
  • Richtige zusammenführen der Kaninchen
  • Ausreichende Kenntnisse des Halters um Situationen einschätzen und notfalls richtig reagieren zu können



Fazit für die Haltung von Hauskaninchen

Kaninchen leben in freier Natur in Gruppen. Sie verfügen über ein differenziertes Sozialverhalten welches ihnen eine Kommunikation mit Artgenossen und dadurch ein Leben in einer Gemeinschaft ermöglicht. Das Sozialverhalten ist damit eine wichtiger Teil ihres Verhaltens und ein nicht zu verachtendes Bedürfnis.

Gründe für eine Gruppenhaltung:

  • Nur an Artgenossen kann das Sozialverhalten ausgelebt werden. Andere Tierarten, ob Mensch oder Meerschweinchen, mangelt es an Kommunikationsfähigkeit mit dem Kaninchen. Das kann für das Kaninchen frustrierend sein.
  • Sozialverhalten ist ein wichtiger Aspekt des Verhaltens und die Möglichkeit, dieses auszuleben somit ein wesentlicher Bestandteil einer tiergerechten Haltung
  • Artgenossen bieten einen nicht unbeachtlichen Teil an Reizen und tragen somit zur Beschäftigung bei, motivieren zu Bewegung und Erkundung
  • Eine Gruppe bietet Sicherheit und Geborgenheit

Vorraussetzung für eine Haltung in Gruppen ist allerdings eine ausreichend tiergerechte Unterbringung, die richtige Konstellation und eine richtige Zusammenführung.

Weitere Informationen zur Konstellation und Vergesellschaftung: Partnerwahl und Vergesellschaftung



Gibt es Einzelgänger unter Hauskaninchen?

Immer wieder liest man von Kaninchen, die sich nicht mit anderen Artgenossenen vergesellschaften lassen. Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Kaninchen ein Leben außerhalb einer Gruppe bevorzugen. Häufig stimmen die genannten Vorraussetzungen aber nicht oder der Halter möchte einfach lieber mit dem Gedanken leben, dass sein Kaninchen keine Artgenossen akzeptiert.

Manche Kaninchen suchen mehr Kontakt zu Artgenossen als andere. Das heißt aber nicht, dass letztere grundsätzlich ein einzelgängerisches Leben bevorzugen und Sozialverhalten für sie unwichtig wäre.



Quellen

Albonetti M.E., Dessi-Fulgheri F., Farabollini F.(1990): Organization of behavior in unfamiliar female rabbits. Aggressive Behavior 17, 171-178

Baumans V. (2005): Environmental enrichment for laboratory rodents and rabbits: requirements of rodents, rabbits, and research. ILAR Journal 46, 162-170

Boback, A. W. (2004): Das Wildkaninchen: (Oryctolagus cuniculus [Linné, 1758]). 2., unveränd. Aufl. Westarp-Wiss.-Verl.-Ges. ISBN 3-89432-791-X.

Barnard C. J., u. T. Burk (1979): Dominance Hierarchies and the Evolution of „individual Recognition“. J. theor. Biol. 81, 65 - 73

Bernstein I. S. (1981): Dominance: The baby and the bathwater. Behav. Brain Sci. 4, 211 - 219

Bessei W. (2001): Empfehlungen nur mit Einschränkungen möglich. DGS Magazin 9, 46-48

Boers K., Gray G., Love J. Mahmutovic Z., Mc Cormick S., Turcotte N., Zhang Y. (2002): Comfortable quarters for rabbits in research institutions. In: Comfortable Quarters for Laboratory Animals (Reinhardt, V., Reinhardt, A. eds.). Animal Welfare Institute, Washington, USA, 43-49

Bradbury J. W., Vehrencamp S. L. (1998): Principles of Animal Communication. Sinauer Associates, Sunderland, Massachusetts, S. 783f

Eibel-Eibesfeldt I. (1969): Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung. 2. Aufl. Verlag Piper, München

Eisermann K., Meier B., Khaschei M., von Holst D. (1993): Ethophysiological responses to overwinter food shortage in wild Eurpoean rabbits. Physiology & Behavior 54, 973-980

Graf S. (2010): Aspekte des agonistischen Verhaltens weiblicher Zuchtkaninchen in der Gruppenhaltung, Diss., Gießen

Holst D. (2002): Leben in der Gruppe: Auswirkungen auf Verhalten, Fruchtbarkeit, Gesundheit und Lebenserwartung Europaeischer Wildkaninchen. KTBL-Schrift 407, 51- 63

Kraft,R., 1(978): Vergleichende Verhaltensstudie an Wild- und Hauskaninchen II - Quantitative Beobachtung zum Sozialverhalten. Zeitschrift für Tierzüchtung und Züchtungsbiologie 95, 165-179

Marai I.F.M., Rashwan, A. A. (2004): Behavioural response of rabbits to climatic and managerial conditions - a review. Archiv für Tierzucht 47, 469-482

Mykytowycz R. (1958): Social behaviour of an experimental colony of wild rabbits Oryctolagus cuniculus L.; I Establishment of the colony. C.S.I.R.O. Wildlife Research 3, 7-25.

Morton D.B., Jennings M., Batchelor G.R., Bell D., Birke L., Davies K., Eveleigh J.R., Gunn D., Heath M., Howard B., Koder P., Phillips J., Poole T., Sainsbury A.W., Sales G.D., Smith D.J.A., Stauffacher M., Turner R.J. (1993): Refinements in rabbit husbandry: Second report of the joint working group on refinement. Laboratory Animals 27, 301-329

Scott J.P. (1992): Aggression: Funktions and control in social systems. Aggressive Behavior 18, 1-20

Schuh,D., Hoy S., Selzer D. (2005): Untersuchung zum Sozialverhalten bei Wild- und Hauskaninchen. In: Proceedings 14. Arbeitstagung über Haltung und Krankheiten der Kaninchen, Pelztiere und Heimtiere, Celle, 171-175.

Stauffacher M.: (1988): Entwicklung und Ethologische Prüfung der Tiergerechtheit einer Bodenhaltung für Hauskaninchen-Zuchtgruppen. Dissertation, Universität Bern, 97 Seiten

Olsson I.A.S., Westlund K. (2007): More than numbers matter: The effect of social factors on behaviour and welfare of laboratory rodents and non-human primates. Applied Animal Behaviour Science 103, 229-254

Van Loo P.L.P., Kruitwagen C.L.J.J., Koolhaas J.M., van de Weerd H.A., Van Zutphen L.F.M., Baumans V. (2002): Influence of cage enrichment in aggressive behaviour and physiological parameters in male mice. Applied Animal Behaviour Science 76, 65-81

Verga M. (1992): Some charakteristics of Rabbits Behaviour and theire relationship with husbandry systems. Journal of Applied Rabbit Research 15, 55-63