Freilaufhaltung


Freilaufende Kaninchen sind in der heutigen Zeit für die Meisten eher ein ungewohnter Anblick. Trotzdem wird diese Form der Haltung schon lange praktiziert. Nicht immer vom Besitzer gewollt, brechen einige Kaninchen gerne aus und verbringen viel Zeit im Freien.

Diese Haltung bringt für das Kaninchen viele Vorteile, birgt aber auch gewisse Risiken. Daher sollten einige Vorraussetzungen erfüllt sein, um das Risiko für die Kaninchen möglichst gering zu halten.

©Alexandra Stoffers - flickr.com ©Alexandra Stoffers - flickr.com


Kapitel

Sicherheit oder Freiheit mit Risiko?

Einhaltung von Begrenzungen

Giftige Pflanzen

Die Gefahr durch Raubtiere

Nachts im Gehege



Sicherheit oder Freiheit mit Risiko?


"Die Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann gestatten kann."

Otto von Bismarck


Freilaufhaltung wird insbesondere von vielen abgelehnt, da es ein gewisses Risiko für die Kaninchen darstellt. Im Gegenzug zu diesem Risiko bietet die Freilaufhaltung den Kaninchen allerdings zahlreiche Möglichkeiten, ihr natürliches Verhalten zu entfalten. Diese Möglichkeiten sind den wenigsten Kaninchen, selbst in großen Gehegen, gegeben, da die Kosten für derart große, komplett gesicherte Gehege oft nicht tragbar sind.

Die Höhe des Risikos variiert, je nach Umgebung und Charakter bzw. Zustand des Kaninchens. Gesundheitlich beeinträchtigte Tiere sind wesentlich mehr gefährdet als gesunde und vitale Kaninchen. Panische Kaninchen laufen einem Raubtier eher vor die Pfoten als selbstsichere, ruhige aber aufmerksame Tiere. Unverträgliche Gruppen sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, Kaninchen in Gebieten mit hoher Raubtierdichte und Raubtieren, die vermehrt am Tage jagen ebenfalls.

Risiken sind Kaninchen in jeder Haltungsform ausgesetzt. Es sollte individuell entschieden werden, welche Haltung bei welchem Tier zu bevorzugen ist und größtmögliche Lebensqualität bei ausreichender Sicherheit bietet.

Freilaufkaninchen sollten kastriert werden (vor allem weibliche Tiere), sofern wilde Kaninchen oder freilaufende unkastrierte Rammler in unmittelbarer Umgebung leben, um Nachwuchs zu vermeiden.

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Einhaltung von Begrenzungen

Sollen Kaninchen nicht komplett, sondern innerhalb eines bestimmten Areals freilaufen gibt es einiges zu beachten, damit die Tiere diese Grenzen akzeptieren.

Da viele Gebiete an Straßen oder Gärten grenzen, sollten die Kaninchen auf eigenem Gebiet gehalten werden. Ein dichter Zaun oder andere Begrenzungen sind sinnvoll.


Größe

Die Reviergröße von einzelnen Hauskaninchen kann zwischen wenigen m² bis mehreren 100 m² variieren, abhängig vom Charakter und Geschlecht des Kaninchens.

Für das Revier von Weibchen und Kastraten kann man ca. 100 - 500 m² rechnen, für ein Rammlerrevier 500 - 2000 m². Auf dieser Fläche sollten optimaler Weise maximal 6 verträgliche Kaninchen gehalten werden.

Tendenziell beanspruchen kleinere Kaninchen mehr Platz als größere Tiere, ausgenommen Hasenkaninchen und Deutsche Riesen. Weiße und blaue Kaninchen sind häufig weniger anspruchsvoll wie wildfarbene oder japanerfarbene Kaninchen.

Jedes Gehege unter 50 m², welches nicht absolut sicher ist, ist für Kaninchen eine Todesfalle. Kanichen brauchen für Angriff und zur Flucht ausreichende Sprintmöglichkeiten und Verstecke.


Besatzdichte

Je höher die Besatzdichte und je konfliktreicher die Gruppe, desto eher versuchen einzelne Kaninchen aus dem Gebiet zu flüchten. Zudem erhöht der Stress das Risiko, von Beutegreifern in unachtsamen Momenten überrumpelt zu werden.


Weidegestaltung

Je interessanter die Weide gestaltet und je uninteressanter der Weiderand und das umliegende Gebiet ist, desto geringer ist die Tendenz aus dem Areal ausbrechen zu wollen.

Das Nachtgehege sollte eher zentral und nicht am Rand des Gebietes liegen.

Wichtig ist zudem ein ausreichendes Futterangebot, um die Kaninchen nicht zur Nahrungssuche außerhalb des Areals zu motivieren. Zugefüttert werden sollte ebenfalls zentral und nicht in Randgebieten.


Geeignete Begrenzungen

  • Zäune: Ist das Areal für die Kaninchen geeignet, die Gruppe wenig gestresst und das Nahrungsangebot ausreichend, reichen sehr niedrige Zäune, um die Kaninchen im Gebiet zu halten. Ab einer Zaunhöhe von 1,20 m kommt es nur in Extremfällen zu Ausbrüchen. Eine doppelte Umzäunung bietet zusätzliche Sicherheit. Der Zaun sollte regelmäßig kontrolliert werden, bestehende Löcher in Zaunnähe entfernt werden.
  • Gewässer: Gewässer bieten für die meisten Kaninchen ausreichende Begrenzungen, die in der Regel nicht überschritten werden



Giftige Pflanzen

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Als giftig geltende Pflanzen finden sich beinahe in jedem Garten oder Grundstück. Allerdings macht immer die Menge das Gift, viele Giftpflanzen werden von Kaninchen als Heilmittel genutzt. Kaninchen die freien Zugang zu verschiedenen (Garten-)Pflanzen haben, sollten immer das Selektionsverhalten bereits vorher durch eine entsprechende Fütterung erlernt haben. Es sollte darauf geachtet werden, dass ausreichend Auswahl zur Verfügung steht. Haben die Tiere ausreichend Wahlmöglichkeiten und sind daran gewöhnt gibt es nur sehr wenige Pflanzen, die zum Problem werden können.

Mehr zum Thema Selektion: Selektion und Nahrungswahl



Die Gefahr durch Raubtiere

Die Gefahr durch Raubtiere ist in nicht komplett gesicherten Gehegen immer gegeben. Eine ausreichende Arealgröße, Versteckmöglichkeiten und ausreichend Freiraum zur Flucht ist zwingend notwendig. Da die meisten gefährlichen Raubtiere Nachts auf der Jagd sind, ist es empfehlenswert, die Kaninchen über Nacht in einem ausreichend gesicherten Gehege oder Stall unterzubringen.

Tagsüber jagen insbesondere Greifvögel. Ein Netz kann Kaninchen gegen diese Jäger schützen. Es sollte darauf geachtet werden, dass den Raubvögeln keine Ansitzmöglichkeit in Nähe der Kaninchen geboten wird oder keine geeigneten Anflugschneißen (durch dichtes Blattwerk o.ä.) geboten werden. Müssen Raubvögel erst über lange, ungeschützte Strecken anfliegen, gibt dies den Kaninchen ausreichend Möglichkeit, sich in Sicherheit zu begeben.

Besonders gefährlich für Kaninchen sind Habicht und Schwarzmilan, welche am Tag jagen. Nachts kann der Uhu zur Gefahr für Kaninchen werden.

Marder und Füchse sind vorwiegend nacht- und dämmerungsaktiv. Ein sicheres Gehege für die Nacht ist daher empfehlenswerte. Selten sieht man diese Raubtiere auch am Tage, vor allem wenn Nachwuchs vorhanden ist und ein schlechtes Nahrungsangebot herrscht. Ein ausreichend großer und strukturierter Auslauf ist daher immer nötig, um Feindmeideverhalten zu fördern. Gefüttert werden sollte in der Nähe von Unterschlüpfen.

Gefährdet sind Kaninchen auch durch andere Haustiere wie Hunde und Katzen. Selbstbewusste Kaninchen schlagen Katzen leicht in die Flucht und die wenigsten Katzen jagen erwachsene, vitale Kaninchen.

Welches Gebiet ist sicher?

Auf weitläufigen Wiesen mit Verstecken können die Kaninchen Feinde rechtzeitig kommen sehen. Wald mit Altbaumbestand hingegen bietet Raubvögeln die Möglichkeit, auf Kaninchen zu lauern.


Wissenswertes über Feinde der Kaninchen

Schwarzmilane jagen im Suchflug. Sie fliegen langsam und relativ niedrig und ergreifen Beutetiere meistens im darüber fliegen. Sie verhalten sich gegenüber Menschen eher scheu.
Urheber: Thomas Kraft; Quelle (August 2011)
Habichte jagen aus dem bodennahen Flug oder von einem Ansitz aus. Sie sind äußert wendig und nutzen Hecken, Sträucher und Häuser für einen gedeckten Anflug. Ihre Reviere sind mehrere km² groß.
Urheber: Norbert Kenntner; Quelle (August 2011)
Der Uhu ist ein nachtaktiver Jäger. Das typische Uhurevier hat im Durchschnitt eine Größe von 40 km². Inzwischen findet man einzelne Tiere auch im Stadtgebiet. Seine Jagdzeit beginnt mit der Dämmerung und dauert bis zum frühen morgen, wobei um Mitternacht eine Pause eingelegt wird. Er ist sehr schnell und wendig, er jagt am Boden und in der Luft. Kaninchen sind eine beliebte Beute.
Urheber: Softeis; Quelle (August 2011)
Der Rotfuchs ist weit verbreitet und ein Allesfresser. Die Größe ihres Streifgebiet kann stark variieren, zwischen wenigen Hektar bis mehreren hundert Hektar. Bevorzugt wird leicht zu erbeutendes Futter. Füchse lassen sich relativ leicht vertreiben.

Sie sind vorwiegend in der Nacht aktiv. Säugende Fähen gehen aber bei Nahrungsknappheit auch Tagsüber auf die Jagd.

Urheber: Oosoom; Quelle (August 2011)
Der Waschbär wurde in Europa eingebürgert. Er ist vorwiegend dämmerungs- oder nachtaktiv, äußert schlau und geschickt. Die wenigsten Waschbären jagen. Tun sie es doch, sind selbst abgesicherte Gehege in vielen Fällen für sie kein Problem.
Urheber: Quartl; Quelle (August 2011)
Steinmarder sind vorwiegend in der Nacht aktiv. Sie sind sehr geschickt und passen durch enge Ritzen. Geschlossene, aber unzureichend gesicherte Gehege werden dadurch zur Todesfalle für Kaninchen. Die Reviergröße beträgt ca. zwischen 12 und 210 Hektar, Kaninchen sind eine beliebte Beute
Urheber: Mike aus dem Bayerwald; Quelle (August 2011)
Haustiere wie Katzen sind insbesondere für sehr ängstliche Kaninchen gefährlich. Reagieren die Kaninchen panisch, können sie Jagdverhalten bei Hauskatzen auslösen.



Nachts im Gehege

Sofern das Gelände nicht so gesichert ist, das Marder und Fuchs es nicht betreten können, sollten die Kaninchen nachts in einem sicheren Gehege untergebracht werden. Dieses sollte ebenfalls ausreichend groß und strukturiert sein. Da Kaninchen nicht nur tagaktiv sind, benötigen sie auch über die Nacht eine Unterkunft, die ihnen ausreichend Lebensqualität bietet.

Idealerweise liegt das Gehege in der Mitte des Gebietes, da es den zentralen Wohnbau ersetzten soll. Am Rand des Geheges kann es die Kaninchen dazu bringen, ihr Revier über die Begrenzung hinweg auszudehnen.

Auch sollte in der Nacht ausreichend Frischfutter zur Verfügung stehen, damit die Tiere sich nicht am nächsten morgen auf frisches Futter stürzen.

Damit die Kaninchen freiwillig das Gehege betreten, sollten sie nach ihrem Einzug mehrere Wochen ausschließlich im Gehege bleiben. Dabei sollten sie zur geplanten Zeit, in der sie später zurück ins Gehege kommen, mit einem besonderen Leckerchen gefüttert werden. Hilfreich kann sein, die Tiere dabei auf einem bestimmtes Kommando oder Geräusch zu trainieren. Sobald sie um diese Zeit erwartungsvoll auf ihr Leckerchen hoffen, kann mittels Absperrung ein kleiner Teil des zukünftigen Auslaufs zur Verfügung gestellt werden und das abendliche einsperren trainiert werden. So kann langsam erweitert werden, bis der gesamte Auslauf zur Verfügung steht.



Fazit

Die Freilaufhaltung ermöglicht den Kaninchen in vielerlei Hinsicht ihr natürliches Verhalten auszuleben. Wie jede andere Haltung gibt es Risiken, die allerdings durch entsprechende Gehege minimiert werden können. Nicht jedes Kaninchen ist für diese Form der Haltung geeignet. An die Freilaufhaltung müssen die Kaninchen langsam gewöhnt werden, um unnötiges panisches Fluchtverhalten, Vergiftungen und stressige Einfangaktionen zu vermeiden.

Passen die Umstände, bietet die Freilaufhaltung den Kaninchen ein hohes Maß an Lebensqualität.

©Alexandra Stoffers - flickr.com ©Alexandra Stoffers - flickr.com



Infolinks

Freigehegebau für Kaninchen des vgt

Freilaufkaninchen - Eine frei lebenden Hauskaninchensippe


Quellen

Dahlbeck: Der Uhu Bubo bubo (L.) in Deutschland. Shacker, Aachen 2003,ISBN 3-8322-1444-5

Görner, M. (2007): Prädatoren, Bestandsregulierungen und Artenschutz. Artenschutzreport 21: 91-96

Ronald M. Nowak: Walker’s mammals of the world. 6. Auflage. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1999, ISBN 0-8018-5789-9

Wandeler, A. I.; Lüps, P. (1993): Vulpes vulpes (Linnaeus, 1758) – Rotfuchs. In Stubbe, M.; Krapp, F. (Hrsg.): Handbuch der Säugetiere Europas. Band 5: Raubsäuger – Carnivora (Fissipedia). Teil I: Canidae, Ursidae, Procyonidae, Mustelidae 1. Aula-Verlag Wiesbaden, S. 139-193.