Lernverhalten und Beschäftigung


Lernen ist ein wichtiger Prozess im Leben eines Kaninchens. Die Aneignung von neuem Wissen, neuartigen Erfahrungen und anderen Fertigkeiten ermöglichen es den Kaninchen sich einer Veränderung der Umwelt anzupassen. Lernen beginnt mit der Geburt und dauert bis zum Lebensende. Neues wird erlernt, angeborenes perfektioniert. Lernen ist ein kontinuierlicher Prozess.

Kaninchen sind intelligente Tiere und wollen beschäftigt werden. Sie möchten lernen und gelerntes anwenden. Lernen zu können, Reizen und Herausforderungen ausgesetzt zu sein - all das ist ein wichtiger Aspekt um die Lebensqualität von Hauskaninchen zu erhöhen.


Kapitel

"Environmental enrichment" für Kaninchen

"Behavioural enrichment" für Kaninchen



Allgemeines zum Thema Beschäftigung und Lernverhalten jetzt auf Heimtierwissen.de - Haltungsthemen: Beschäftigung



"Environmental enrichment" für Kaninchen

Die richtige Gestaltung des Geheges ist wichtig für Kaninchen. Das Gehege muss den Kaninchen nicht nur ausreichend Möglichkeiten bieten sich artgemäß fortzubewegen, sondern sollte auch ausreichend Möglichkeiten und Anreize bieten natürliches Verhalten auszuleben.

Kaninchen buddeln gerne. Buddelkisten können mit Einstreu, Sand, Erde oder Papier gefüllt werden. Es bietet sich an, mehrere verschiedene Kisten anzubieten.

Verschiedene Untergründe können in jedem Gehege geboten werden. Sand, Steinplatten, Einstreu, Heu, Stroh, Erde sind einige Möglichkeiten. Heu- und Strohballen bieten hierbei verschiedene Möglichkeiten. Sie werden als Unterlage, zum knabbern und als Aussichtspunkte genutzt.

Pappkartons, Röhren (aus z.B. Kork, Holz, oder Ton), Tunnel aus dem Handel und Höhlen aus Handtüchern, Decken etc. bieten den Kaninchen Unterschlupf, lassen sich leicht umgestalten und bieten so neues zu erkunden. Auch haben Kaninchen die Möglichkeit, die Kartons selbst umzugestalten.

Abbildung 1: Enrichment. Zusätzliche Beschäftigung ist wichtig für die Kaninchen, ihr natürliches Verhalten sollte gefordert und gefördert werden.



"Behavioural enrichment" für Kaninchen


Beschäftigung durch Förderung des Lernverhaltens

Zusätzliche Beschäftigung sollte sich am natürlichen Verhalten der Kaninchen orientieren. Insbesondere über das Fressverhalten und die Futtersuche lassen sich zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten ableiten indem man die Kaninchen ihr Futter erarbeiten lässt.

Beispiele für Futterbeschäftigung:

  • Selektion fördern. Ein vielfältiges Angebot an Futter ist nicht nur wichtig, um den Nährstoffbedarf der Tiere zu decken. Zu selektieren ist eine interessante Beschäftigung für Kaninchen
  • Futterspieße aus dem Zoohandel können mit Frischfutter bestückt und aufgehängt werden. Auch auf Zweige kann das Futter aufgespießt werden (diese können z.B. in Ziegelsteinen mit Löcher gesteckt werden)
  • Pappröhren können mit Frischfutter befüllt und dann an beiden Seiten mit Heu "verschlossen" werden
  • Aufgefädelt an Schnüre kann das Futter erhöht befestigt werden
  • Futterbällen aus dem Zoofachhandel
  • Das Futter sollte im Gehege verteilt werden, auch auf erhöhten Plätzen
  • Zweige mit Blättern bieten eine schöne Beschäftigung und können so platziert werden, dass die Kaninchen sich ein wenig recken müssen, um an das begehrte Futter zu gelangen

Diese Beschäftigungsmöglichkeiten fördern die Tiere nicht nur geistig, sie motivieren die Kaninchen auch zur Bewegung. Dies wirkt sich positiv auf das Verhalten und die körperliche Fitness aus.

Mithilfe von Futter lassen sich Kaninchen auch zu verschiedenen Übungen motivieren.



Training mit Kaninchen - Aufbau und Anwendung

Kaninchen sind intelligente und lernfähige Tiere. Sie lassen sich zu verschiedenen Übungen und Tricks motivieren. Viele Kaninchen finden Freude an einer gemeinsamen Beschäftigung mit dem Menschen.


Wichtig!

Training mit Kaninchen sollte immer auf freiwilliger Basis beruhen. Die Tiere dürfen keinesfalls gezwungen werden und sollten immer die Möglichkeit haben sich zu entfernen.



Verstärkung und Bestrafung

Die Verstärkung beschreibt ein Ereignis, welches die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird. Es gibt positive und negative Verstärkung. Positive Verstärkung wird auch als Belohnung bezeichnet. Es wird also etwas häufiger getan, da es dafür etwas angenehmes gibt. Bei der negativen Bestärkung wird ein unangenehmer Reiz entfernt, nicht zu verwechseln mit der Bestrafung. Bei der negativen Verstärkung wird etwas häufiger getan, da etwas Unangenehmes dadurch beendet oder vermieden wird.

Als Bestrafung bezeichnet man ein Ereignis, bei dem die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens gesenkt wird. D.h. es wird etwas seltener oder gar nicht mehr getan, weil einem dann etwas Unangenehmes widerfahren würde und bereits einmal widerfahren ist. (Direkte Bestrafung) Oder es wird etwas seltener getan, da etwas angenehmes dadurch verloren geht (indirekte Bestrafung)


Brückensignale

Wichtig für den Einsatz von Verstärkung ist das richtige Timing. Das Kaninchen muss die richtige Verknüpfung zwischen Verhalten und Belohnung erstellen. Die Verstärkung muss daher zeitgleich bis max. 2 Sekunden nach dem erwünschten Verhalten gegeben werden.

Dafür ist es empfehlenswert, mit einem Brückensignal zu arbeiten. Dieses Signal überbrückt die Zeit zwischen dem erwünschten Verhalten und der Verstärkung für dieses Verhalten, eine zeitgenauere Bestätigung ist dadurch möglich. Ein solches Signal kann ein Wort oder gleich klingendes Geräusch wie der sog. Klicker sein. Der Klicker hat dabei den Vorteil, immer gleich zu klingen.

Das Brückensignal hat die Bedeutung, dem Tier zu zeigen, dass das Getane gut war und gleich eine Belohnung erfolgt. Es entfacht positive Stimmung und Vorfreude.

Zuerst muss dem Tier hierbei die Bedeutung des Brückensignals beigebracht werden. Das Kaninchen wird auf das Signal konditioniert:

  • Das Brückensignal wird gegeben und es erfolgt sofort eine besondere Belohnung
  • Werden Leckerchen benutzt, muss dafür gesorgt werden, dass das Kaninchen sich nicht auf den visuellen Reiz konzentriert. D.h. das Futter wird erst nach dem Brückensignal hervorgeholt
  • Die Übung wird mehrfach wiederholt (10-15 mal)
  • Danach wird abgewartet, bis das Tier einen Moment unaufmerksam ist. Geben sie das Brückensignal. Schaut das Kaninchen aufmerksam auf, ist das Signal verstanden. Andernfalls muss die vorige Übung weiter vertieft werden.

Es ist wichtig, dass nach den Brückensignal immer mit Belohung erfolgt. Ansonsten kann es passieren, dass sie Verknüpfung zwischen Signal und Belohnung wieder erlischt.

Bei der Arbeit mit mehreren Tieren sollten verschiedene Brückensignale genutzt werden.


Regeln für das Training

  1. Das Kaninchen sollte nicht gezwungen werden, zu trainieren. Es muss immer die Möglichkeit haben, sich zu entfernen. Das Training sollte Halter und Kaninchen Spaß machen!
  2. Kurze Übungseinheiten sind wichtig, die Kaninchen sollten nicht überfordert werden
  3. Bestätigt mit Brückensignal wird während des gewünschten Verhaltens, nicht danach. Anschließend gibt es eine besondere Belohnung
  4. Es sollte mit einfachen Übungen begonnen werde, die das Kaninchen von selbst anbietet
  5. Besondere Leistungen werden mit mehr Leckerchen belohnt, nicht mit vermehrter Signalgebung
  6. Gutes Timing ist wichtig. Geübt werden kann das gegeben des Brückensignals erst ohne das Kaninchen. Bitten sie jemand, einen Ball fallen zu lassen und geben sie das Signal genau dann, wenn dieser den Boden berührt
  7. Schwierige Übungen werden in kleine Teilschritte zerlegt. Es wird Schritt für Schritt gearbeitet und jeder kleine Erfolg belohnt
  8. Kommandos werden später eingeführt. Das Tier sollte die Verhaltensweise von selbst anbieten. Dadurch wird es experimentierfreudiger und aufmerksamer. Kommandos werden erlernt, indem diese gegeben werden, kurz bevor das Verhalten gezeigt wird (z.B. wenn es gerade die Transportbox betreten möchte)
  9. Reagiert ein Kaninchen nicht auf ein Kommando, ist dieses noch nicht vollständig erlernt. Es sollte unter einfacheren Umständen vertieft werden.
  10. Zu beachten ist, dass Kaninchen insbesondere in der Dämmerung und Nachts aktiv sind. Der Halter sollte die Ruhezeiten der Tiere berücksichtigen.


Targettraining

Ein Target ist ein Hilfsmittel beim Tiertraining. Es wird unter anderem in zoologischen Gärten angewendet, um eine Behandlung durch den Tierarzt zu ermöglichen. Auch bei Vorführen im Zirkus führt der Dompteurhäufig einen Target-Stab mit sich.

Zum Beispiel wird das Tier mittels eines Brückensignals konditioniert, das Ende eines Gegenstandes (z.B. eines Stabes oder Zeigefinders) mit der Nase oder der Pfote zu berühren.

Dadurch ist es möglich, dem Tier verschiedene Übungen, z.B. "Berühren" einfacher beizubringen. Auch kann das Tier z.B. über einen Hindernissparcour dirigiert werden.


Abbildung 2: Klicker. Der obere eignet sich besser für Kaninchen, da er sehr leise ist.
Abbildung 3: Targetstab mit integriertem Klicker. Der Targetstab eigent sich sich zum digigieren oder um dem Tier beizubringen, ruhig zu stehen.


Sinnvolle Übungen für den Alltag

Übungen und Tricks dienen nicht nur dazu, die Kaninchen zu beschäftigen. Sie nützen Halter und Kaninchen auch im gemeinsamen Umgang miteinander, reduzieren Stress und können dadurch besonders im Krankheitsfall wichtig werden.

  • Transportbox: Die Transportbox ist ein nützliches Hilfsmittel. Zur Überprüfung des Gewichtes, der Transport zum Tierarzt oder zum Transport in den Auslauf. Für viele Kaninchen ist es angenehmer, die Transportbox zu betreten anstatt vom Menschen getragen zu werden. Kennen die Kaninchen die Box als Rückzugsort, bringen sie diese mit etwas positivem in Verbindung und betreten sie diese sogar auf Kommando, werden Transportstress und stressige Einfangaktionen vermieden
  • Anfassen: Zur Gesundheitskontrolle kann es nötig sein, die Tiere anzufassen. Auch die Gabe von Medikamenten kann damit verbunden sein. Kaninchen, die sich freiwillig anfassen lassen sind in solchen Situationen weniger gestresst. Berührungen frühzeitig zu üben ist daher sinnvoll.

Neben sinnvollen Übungen können Kaninchen auch Tricks lernen, sofern sie an der Arbeit Freude haben.



Quellen

Herrmann, U.: Neurodidaktik - Grundlagen und Vorschläge für gehirngerechtes Lehren und Lernen; Beltz; Auflage: 1., Aufl. (18. September 2006); ISBN-13: 978-3407254139

J. G. Holland, B. F. Skinner: Analyse des Verhaltens. Urban & Schwarzenberg, München 1974, S. 218

Laser, Birgit: Clickertraining. Cadmos-Verlag, ISBN 3-86127-710-7

Lübbert, S.: Reiz-reaktions-lernen- die klassische Konditionierung