Mythen über Kaninchen


Der Mythos verbirgt nichts und stellt nichts zur Schau. Er deformiert. Der Mythos ist weder eine Lüge noch ein Geständnis. Er ist eine Abwandlung.

Roland Barthes, 1957


Es gibt viele Mythen rund um das Kaninchen, die Aufgrund von Missverständnissen und Fehlinterpretationen entstanden sind, seit Jahren im Netz kurieren und sogar ihren Weg in viele Ratgeber gefunden haben. Einigen wird hier auf den Grund gegangen.



Ein Kaninchen hat auf 2 m² genügend Platz - 2 m² sind eine artgerechte Haltung

2 m² werden inzwischen gerne als Mindestmaß angegeben. Leider liest man dadurch auch immer wieder, dass bei einer solchen Fläche der Platz kein Grund für Aggressionen gegen Mensch oder Artgenosse sein könnte, da die Tiere doch genug Platz hätten. Mindestmaße verhindern nur das Schlimmste, sie sind keine Garantie für eine tiergerechte Haltung. Jeder, der sich die Mühe macht, Kaninchen zu beobachten, wird schnell feststellen, dass 2 m² bzw. für zwei Kaninchen ein Gehege mit 4 m² normalerweise nicht ausreichend sind. Keinesfalls sollten Kaninchen auf solch einer Fläche ohne Auslauf gehalten werden. Weder reichen dem Kaninchen 4 m², um sich ausreichend zu bewegen, noch ermöglichst man den Kaninchen damit einen stressfreien Umgang mit Artgenossen.

Abbildung 1: Reviergröße. Nach Myers and Poole (1961) sind die Reviere von Weibchen ca. 1200 m² groß, die von männlichen Kaninchen ca. 2000 m². Der Größenvergleich mit den empfohlenen 4 m² für ein Pärchen zeigt deutlich, warum es trotz der eingehaltenen Maße die von vielen als Mindestfläche empfohlen wird zu erheblichen Problemen kommen kann, denn die Reviere die Kaninchen für sich beanspruchen sind wesentlich größer.


Hauptartikel: Gehegegröße

©Alexandra Stoffers - flickr.com ©Alexandra Stoffers - flickr.com
Abbildung 2: Bewegungsfreude. Solche Sprünge sind nur möglich, wenn die Tiere ausreichend Platz haben.



Ein Kaninchen das Luftsprünge macht ist glücklich

Luftsprünge sind nicht zwangsläufig ein Ausdruck von "Freude". Dieses Verhalten lässt sich häufig dann beobachten, wenn die Tiere angespannt waren oder besonders gestresst sind (Paarungszeit). Luftsprünge dienen dazu, Spannung abzubauen. Sie müssen nicht negativ sein, aber es ist nicht zwangsläufig ein Hinweis auf eine gute Haltung bzw. ein glückliches Kaninchen.

Beginnt ein Kaninchen mit Luftsprüngen, sobald es aus dem Käfig gelassen wird, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass der Käfig keine ausreichende Unterkunft darstellt.

©Alexandra Stoffers - flickr.com ©Alexandra Stoffers - flickr.com
Abbildung 3: Luftsprünge. Ein Verhalten sollte immer im Kontext betrachtet werden, Luftsprünge können viele Ursachen haben. Es kann aber durchaus die pure Freude an Bewegung sein.



Kaninchen sind anspruchslos und lassen sich leicht halten

Kaninchen sind sehr anpassungsfähig und es ist nur selten erkenntlich, wenn sie unter einer Haltung zu leiden haben. Selbst Kaninchen unter offensichtlich sehr ungeeigneten Bedingungen können entspannt und nicht aphatisch wirken. Wer sich aber mit dem Verhalten der Tiere beschäftigt und sie unter entsprechenden Bedingungen beobachtet, wird feststellen, dass diese Tiere durchaus hohe Ansprüche an ihren Lebensraum und auch an ihre Ernährung stellen. Wer Kaninchen halten möchte, sollte sich daher vorher eingehend damit befassen, um entscheiden zu können, ob die Möglichkeiten, die geboten werden können, wirklich ausreichend sind.

©Alexandra Stoffers - flickr.com ©Alexandra Stoffers - flickr.com
Abbildung 4: Anspruchslos? Der Platzbedarf, Bewegungsdrang und die Ansprüche an das Futter überfordern viele Halter. Es sollte vor der Anschaffung bedacht werden, welche Bedürfnisse die Tiere haben - und ob man diesen wirklich gerecht werden möchte und kann.



Zwei Rammler können nur miteinander gehalten werden, wenn sie frühkastriert werden

Werden die Kaninchen vernünftig gehalten, sind auch Kombinationen aus spät kastrierten Rammlern in den meisten Fällen kein Problem. Häufig sind solche Kombinationen sogar vergleichsweise friedlich, sofern die Kaninchen gut gehalten werden. Werden die Rammler erst dann kastriert werden, wenn sie sich bereits bekämpfen, kann dies allerdings sehr problematisch werden.

Wichtig für gleichgeschlechtliche Kombinationen sind ausreichend Rückzugsmöglichkeiten und Beschäftigung.



Meerschweinchen und Kaninchen lassen sich problemlos zusammenhalten

Meerschweinchen haben eine völlig anderes Sozialverhalten als Kaninchen. Sie sind kein Ersatz für einen Artgenossen, auch sind Kaninchen kein Ersatz für ein Meerschweinchen. Auch die Haltung mehrerer Tiere kann problematisch werden, wenn die Kaninchen den Meerschweinchen gegenüber aufdringlich werden. Im schlimmsten Fall kann es bei den Meerschweinchen zu schweren Verletzungen kommen. Eine gemeinsame Haltung ist daher nur unter bestimmten Umständen empfehlenswert.



Mythos Stallhase

"Stallhase" ist eine Bezeichnung für größere Hauskaninchen. Sie alle stammen, genau wie kleinere Vertreter und auch dem Hasenkaninchen ausschließlich vom europäischen Wildkaninchen ab. Feldhasen wurden nicht domestiziert und werden nur sehr selten als Flaschenkinder oder in Tierparks gehalten.

Hauptartikel: Feldhasen und Kaninchen



Nestbau ist ein Anzeichen für Scheinschwangerschaft

Häufig wird beobachtet, das insbesondere im Frühjahr oder nach Vergesellschaftungen weibliche, unkastrierte Weibchen Nester bauen. Bei einigen Kaninchen lässt sich dieses Verhalten sogar mehr oder weniger regelmäßig beobachten. Oft wird dies als ein Zeichen für eine Scheinschwangerschaft gesehen. In den meisten Fällen ist der Nestbau allerdings ein Hinweis auf hitzige, d.h. paarungsbereite Weibchen.

Hauptartikel: Hitzig oder Scheinschwanger



Quellen

Myers, K. u. W. Poole (1961): The effects of season and population increase on behaviour. C.S.I.R.O. Wildl. Res. 6, 1-41